Geschichte der Burg

Dr. Bruno Schimetschek:

Die am Fuße des Burgberges liegende Siedlung ist älter als die Burg. Diese wurde von den Wildoniern, einem aus der Steiermark stammenden Geschlecht, erbaut; sie kamen wahrscheinlich erst um 1160 ins Land, nachdem die Pittener Waldmark nach dem Tode des Grafen Eckbert III. von Formbach-Pitten (1158) an die Steiermark gefallen war. Im Jahre 1240 heiratete Gertrud, dieTochter Leutolds von Wildon, Albero V. von Kuenring, worauf Kirchschlag an die Kuenringer gelangte, die damals überaus mächtig waren und zahlreiche Herrschaften in Österreich - vor allem im Waldviertel -besaßen. Als nach dem Tode Friedrichs II., des letzten Babenbergers (1246), das Land herrenlos wurde, berief man Albero von Kuenring als Landesverweser. In diese Eigenschaft zeigte sich der Kuenringer sehr tatkräftig und schritt energisch gegen das damals stark um sich greifende Räuberunwesen ein. Seinem Einfluß ist es auch hauptsächlich zuzuschreiben, daß man den Böhmenkönig Ottokar II. in das verwaiste Land rief, wo er bald allgemein als neuer Landesherr anerkannt wurde. Die Kuenringer stellten sich mit ihrer gesamten Macht hinter den neuen Landesherrn. Namentlich Albero von Kuenring war König Ottokars ständiger Berater und Begleiter; er starb allgemein geachtet im Jahre 1260 und wurde im Kloster ZwettI bestattet, zu dessen Stiftern die Kuenringer gehörten.

Die Burg Kirchschlag hatte damals schwere Zeiten zu bestehen. Als Ottokar II. von Böhmen und König Bela IV. von Ungarn um das Erbe der Babenberger stritten, wurde auch die Bucklige Welt mehrmals zum Schauplatz blutiger Kämpfe. So fielen schon im Juli 1250 die Ungarn in die Waldmark ein und eroberten dabei u. a. auch die Burg Kirchschlag. Noch heißer ging es dann im Jahre 1254 zu. Damals wurde die Burg längere Zeit von einem ungarischen Heer belagert und erst nach heftigen Kämpfen eingenommen. Dabei hat nach einer ungarischen Königsurkunde nebst anderen auch der ungarische Edle Andreas vor den Augen des Königs im Kampfe den Tod gefunden. Eine andere Urkunde bestätigt dem Grafen Laurentius, daß er bei der Belagerung Kirchschlags sich am Fuße des oberen Turmes festgesetzt und unter den Augen des Königs rühmlich gekämpft habe, "was ihm sogar übelwollende Neider lassen müßten". Nach diesen Berichten muß Kirchschlag damals schon eine ansehnliche Burg mit mehreren Türmen gewesen sein, deren Eroberung bedeutende Opfer und Anstrengungen erforderte. Offenbar waren die Kuenringer, die der allgemeinen Unsicherheit überall im Lande ihre Burgen stärker befestigten, auch in Kirchschlag bemüht, eine mächtige Wehranlage zu schaffen, die im Notfall auch einem stärkeren Angriff standzuhalten vermochte. Wahrscheinlich haben auch sie schon den am Fuße des Burgberges liegenden Markt in die gesamte Verteidigungsanlage eingeschlossen, wie sie dies ja auch in dem ihnen gleichfalls gehörigen Dürnstein an der Donau getan haben. So mag die gesamte Burg mit ihren Mauern und Türmen einen überaus imposanten Anblick geboten haben, den wir heute nur noch ungefähr erahnen können, wenn wir den bekannte Stich des Georg Matthäus Vischer aus dem Jahre 1672 betrachten.

Den Kuenringern wurde es allerdings nicht leicht gemacht, sich im Besitze Kirchschlags zu erhalten. Im Frieden von Ofen (1254) mußte sich der Böhmenkönig Ottokar II. zunächst dazu verstehen, die Steiermark und auch das Land rings um Kirchschlag an Ungarn abzutreten. Als dann aber diese Gebiete nach der Schlacht bei Kroissenbrunn (1260) wiederum an Ottokar II. zurückfielen, bedeutete dies für Alberos Sohn, Leutold von Kuenring, noch nicht, daß er sich nun des ungestörten Besitzes von Kirchschlag hätte erfreuen können. In der Zeit der Ungarnherrschaft hatten sich nämlich die Güssinger der Burg Kirchschlag bemächtigt; es war dies ein überaus mächtiges Geschlecht, das am ungarischen Hof eine große Rolle spielte und zahlreiche einflußreiche Ämter bekleidete. Die Grenze entlang besaßen sie eine große Anzahl von Burgen, darunter Schlaining, Bernstein, Lockenhaus und Güns, was sie in die Lage vesetzte, eine völlig unabhängige Politik zu betreiben, wobei sie die zwischen den Herrschern von Österreich und Ungarn bestehenden Spannungen geschickt zu ihrem Vorteil auszunutzen wußten und sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite schlugen, wie es eben ihren jeweiligen Interessen entsprach.

Gegenüber solchen Gegnern hatte Leutold von Kuenring begreiflicherweise keinen leichten Stand, zumal er auch von Seiten des Königs Ottokar II. keine besondere Unterstützung erwarten konnte. Leutold von Kuenring stand nämlich zu dem Böhmenkönig keineswegs mehr in einem so guten Verhältnis wie sein Vater Albero. Ottokar II. erwies sich, sobald er einmal fest im Sattel saß, gegenüber dem nicht sehr leicht lenkbaren österreichischen und steirischen Adel als sehr strenger Herr, wodurch er sich die Zuneigung mancher Edlen verscherzte, die ursprünglich seine eifrigen Anhänger gewesen waren. So kam auch Leutold nur mehr sehr selten an den Hof des Böhmenkönigs. Auch waren die Zeiten nicht dazu angetan, Hoffeste zu feiern. Im Jahre 1271 fielen die Ungarn unter König Stefan V. wieder ins Land, verwüsteten die Gegend um Aspang und Pitten und eroberten die Burgen Kirchschlag und Krumbach. Zwei Jahre später unternahmen die Güssinger neuerlich einen Raubzug in das benachbarte Österreich. Als Rudolf I. von Habsburg im Herbst 1276 ein Reichsheer gegen Ottokar II. aufbot und in Österreich einrückte, zählte auch Leutold von Kuenring bald zu seinen Anhängern. Bei allen wichtigen Staatsakten der folgenden Jahr finden wir ihn dann stets am Wiener Hof, wo er auch das oberste Schenkenamt versah. Auch am Reichstag zu Augsburg, wo König Rudolf am 27 . Dezember 1282 seine beiden Söhne Albrecht und Rudolf mit den Herzogtümern Österreich und Steiermark belehnte, war Leutold anwesend.

Während jedoch der Beginn der Habsburger-Herrschaft für Österreich im allgemeinen wiederum Ruhe und Ordnung brachte, herrschte in der Buckligen Welt durch einige Zeit noch betrachtliche Unruhe, die vor allem durch Yban von Güssing verursacht wurde, der immer wieder in die benachbarten Gebiete von Österreich und Steiermark Raubzüge unternahm und erst nach erbitterten Kämpfen zur Ruhe gebracht werden konnte. Diese Zustände scheinen Leutold von Kuenring derart verdrossen zu haben, daß er am 12. Juli 1287 mit den Brüdern Heinrich, Konrad und Zibot von Pottendorf einen Vertrag schloß, auf Grund dessen er die Herrschaft Kirchschlag gegen die Burg Rosenau bei Zwettl vertauschen wollte. Dieser Tausch konnte jedoch zunächst nicht durchgeführt werden, weil Yban von Güssing immer noch Ansprüche auf Kirchschlag erhob, die ihm Leutold schließlich im Jahre 1295 gegen Zahlung von 60 Goldtalenten abkaufte. Um diese Zeit bereitete Leutold einen Adelsaufstand gegen Herzog Albrecht vor, den dieser jedoch rasch niederschlug. Das hatte aber für den Kuenringer beträchtliche Vermögensverluste zur Folge, sodaß er letztlich gezwungen war, Kirchschlag aufzugeben.

In einer Urkunde vom l. September 1304 bezeichnet dann bereits Konrad von Pottendorf Kirchschlag als sein ,,eigen Haus". Die Pottendorfer besaßen durch nahezu 200 Jahre die Herrschaft Kirchschlag. Auch sie gehörten zu den reichsten Geschlechtern im Lande. Wie man einem Erbteilungsvertrag der Familie Pottendorf im Jahre 1459 entnehmen kann, besaßen sie u. a. die Herrschaften Pottendorf, Feistritz mit dem Markt Kirchberg am Wechsel, Hornstein, Scharfeneck mit Mannersdorf, Hof, Au und Sommerein und schließlich die Herrschaft Kirchschlag, zu der die Amter Lembach, Stang, Lichtenegg, Wiesmath, Schlatten, Pilgersdorf, Rabnitz und Schwentgraben, Weingärten zu Leobersdorf und Deutschkreutz und ein Haus in Wien gehörten. Im Jahre l39l ließ Konrad von Pottendorf die Marienkirche am Kirchschlager Schloßberg erbauen; sie diente als Burgkapelle und wurde im Jahre 1782 von Kaiser Josef II. aufgehoben, worauf sie rasch verfiel. Heute ist nur mehr eine Mauer vorhanden, an der noch die Ansätze von 3 gotischen Spitzbogen erkennbar sind. Christoph von Pottendorf war ein einflußreicher Ratgeber Herzog Albrechts VI. und vermittelte mehrmals zwischen dem Herzog und dessen Bruder, dem Kaiser Friedrich III. Er starb im Jahre 1476 und ist als der Stifter der heutigen Kirchschlager Pfarrkirche anzusehen. Als Friedrich von Pottendorf , der letzte seines Geschlechtes, im Jahre 1488 verstarb, ließ König Matthias Corvinus von Ungarn, der damals Herr im Lande war, Kirchschlag durch seinen Hauptmann Peter Puchheim besetzen; er soll sich mit der Absicht getragen haben, die Burg als sein Eigen zu erwerben. Als nach seinem Tode Kaiser Maximilian I. Österreich zurückeroberte, verpfändete er die Herrschaft Kirchschlag zunächst an Georg von Rottal und schließlich an Georg von Puchheim, der übrigens als Neffe des letzten Pottendorfers Ansprüche auf Kirchschlag erhob, die Herrschaft aber schließlich im Jahre 1528 um 15.000 Gulden käuflich erwarb. Die Puchheimer besaßen damals schon seit 1394 die benachbarte Herrschaft Krumbach. Nach dem Erwerb Kirchschlags trat Georg von Puchheim seinen Anteil an Krumbach an seinen Bruder Christoph III. ab. Er selbst war Obersthofmeister der Königin Anna und ab 1524 Statthalter der niederösterreichischen Länder. In dieser Eigenschaft blieb er auch während der ersten Türkenbelagerung (1529) in Wien und stand dem Kommandanten Niklas Salm wacker zur Seite; er starb im Jahre 1531, worauf ihm in der Herrschaft Kirchschlag sein Sohn Wilhelm folgte. Nach dessen Tod fiel Kirchschlag an die Söhne Christophs III., von denen schließlich Erasmus allein übrigblieb, der jedoch ausschließlich auf Burg Krumbach lebte, die er um die Mitte des 16. Jahrhunderts zu einem Renaissanceschloß umgestaltete.

Seitdem war die Burg Kirchschlag kein Herrensitz mehr,was den allmählichen Verfall der Anlage zur Folge hatte, zumal mit der Entwickung des neuzeitlichen Geschützwesens die Lage der Burg den Anforderungen des modernen Festungsbaues nicht mehr entsprach, da sie nunmehr von dem um rund l00m höheren, benachbarten Hutkogel jederzeit in Grund und Boden geschossen werden konnte. Bald wollten die Puchheimer, wenn sie zu Besuch, etwa zur Jagd, nach Kirchschlag kamen, nicht mehr in dem veralteten und wahrscheinlich bereits leicht verwahrlosten Gebäude oben am Burgberg wohnen, weshalb Hans Christoph III. von Puchheim, der als kaiserlicher Feldmarschall in der letzten Phase des 3Ojährigen Krieges eine bedeutende Rolle gespielt hatte, im Jahre 1651 unten im Markt das Hofhaus jetzt Bezirksgericht) erbauen ließ. Über dem Hoftor des Gebäudes befindet sich heute noch die Büste des Erbauers, der zugleich der letzte Herrschaftsbesitzer aus dem Hause Puchheim war.

Nach Hans Christoph III. von Puchheim, der im Jahre 1657 starb, fiel nämlich die Herrschaft Kirchschlag an den Sohn seiner damals schon verstorbenen Schwester Eva Susanna, den Grafen Nikolaus IV. von Palffy. Die Palffys gehörten zu den wenigen Adelsgeschlechtern Ungarns, die dem Kaiser durch die wechselvollen Ereignisse der Neuzeit stets die Treue hielten. Das bedeutendste Mitglied dieser Familie war wohl Nikolaus VI., der Obersthofrichter, Generalfeldmarschall und ab l7 14 ungarischer Reichspalatin war, welche Stellung er bis zu seinem im Jahre 1732 erfolgten Tode bekleidete. Seinem großen Einfluß in ungarischen Magnatenkreisen ist es hauptsächlich zu danken, daß die ,,Pragmatische Sanktion", das Grundgesetz der österreichisch-ungarischen Monarchie, auf dem Landtage zu Preßburg (1720) von den ungarischen Ständen angenommen wurden. Er war auch ein vertrauter Ratgeber des Prinzen Eugen von Savoyen, den er insbesondere über die ungarischen Zustände im Zusammenhang mit dem Aufstand des Franz II. Rakoczi laufend informierte. Auch Nikolaus VIII. von Palffy war gleich seinem Großvater Obersthofrichter ( 1773). Dessen Sohn Karl Hieronymus spielte im Musikleben Wiens eine große Rolle, wobei er sich insbesondere als Förderer des jungen Mozart hervor-tat. Er wurde im Jahre 1807 in den Fürstenstand erhoben. Sein Sohn Josef ließ in den Jahren 1816 bis 1818 die von Edlitz über Krumbach nach Kirchschlag führende, "Palffy-Straße" anlegen, die mehr oder weniger bis zum Ausbau der modernen Bundesstraße den Verkehr in diesem weltabgeschiedenen Winkel Österreichs zu bewältigen hatte. Als im Jahre 1848 das Untertanenverhältnis aufgehoben wurde, erlahmte nach und nach das Interesse der Familie Palffy an ihren österreichischen Besitzungen, weshalb sie diese im Jahre 1875 an den Advokaten Anton Riehl aus Wiener Neustadt verkauften. Das Grundeigentum am Kirchschlager Burgberg ging in der Folge noch durch verschiedene Hände, bis es schließlich von der Marktgemeinde Kirchschlag erworben wurde. Für das Schicksal der Burg Kirchschlag war dies alles nicht mehr von entscheidender Bedeutung. Sie wurde bereits ab der Mitte des 16. Jahrhunderts nicht mehr ständig bewohnt. Als im Frühjahr 1683 wegen der drohenden Türkengefahr die österreichischen Schlösser auf ihren Verteidigungszustand untersucht wurden, berichtete der zum Hauptmann des Viertels unter dem Wienerwald bestellte Franz Hermann Mechtls von Engelsberg über Kirchschlag: Bei diesem Schloß ist das Defensionswerk dergestalten zugrunde gegangen, daß selbiges unter etlichen tausend Gulden schwerlich in den vorigen Stand gebracht werden kann, doch hat der Verwalter auf mein Zusprechen sich dahin erboten, den Turm als das Hauptwerk möglichst reparieren und im Schloß so viel machen zu lassen, das man sich im Fall der Not darin defendieren könne.

Tatsächlich diente der Feuerturm als Kreudefeuerstätte. Als dann im Sommer 1683 türkische Streifscharen an Kirchschlag vorbeikamen, brannten sie lediglich sechs außerhalb der Ringmauer gelegene Häuser, darunter auch eine Sägemühle unterhalb des Ortes nieder. Dagegen sind sie in den inneren Markt nicht eingedrungen und haben auch die Burg nicht zerstört, wie dies im Schrifttum fälschlicherweise immer wieder behauptet wird. Die Kirchschlager Burg wurde auch nicht durch Brand zerstört, sondern ist allmählich verfallen, da die zunächst in Krumbach und dann in Wien und in Ungarn residierenden Herrschaftsbesitzer an der kostspieligen Erhaltung dieses als modernes Bollwerk nicht mehr geeigneten Baues kein Interesse mehr hatten. Aus dem Jahre 1746 ist noch ein "Inventarium über das Graniz-Schloß Kirchschlag" erhalten, wonach sich damals noch 12 Kanonen (sogenannte Stückel) mit Lafetten und Rädern und 2 Böllergeschütze auf der Burg befanden, wobei manches schon ziemlich defekt war. Diese Geschütze dienten lediglich mehr dazu, bei feierlichen Besuchen des Grafen Palffy zur Erhöhung der allgemeinen Festesfreuden abgefeuert zu werden. Dann verschwanden auch diese letzten Überreste vergangener Herrlichkeit. Heute aber künden nur mehr stark beschädigte Mauern von der ruhmvollen Geschichte einer mächtigen Burg, um deren Besitz sich einst die vornehmsten Geschlechter des Landes bemüht hatten.

Anmerkung: Nach den Matriken der Pfarre Kirchschlag war die Burg mit der Hausnummer 111 bis Anfangs 1800 noch von Mietparteien bewohnt, es gibt noch von dem Jahre 1804 eine Zustandsbeschreibung der Burg. Danach wurde sie abgedeckt und ausgeräumt. (J.F. Vollnhofer, Burgkastellan)

Benützte Literatur:

Frieß Die Herren von Kuenring,

Bl. f. Ldkde. v. NÖ., Jgg.1873, S.l7l ff;

Halmer Burgen im Gebiete der Buckligen Welt, Wien 1969

Kleng Blätter für die Heimatkunde von Kirchschlag (1926), S 54;

Lampel Püttener Burgen, Bl. f. Ldkde. v. NÖ, Jgg. 1896, 5.212 ff .;

Newald Fluchtörter und Kreudenfeuer in NÖ,

Bl. f. Ldkde. v. NÖ., Jgg. 1883, S. 259 ff .;

Schimetschek Vergangene Zeiten, Kirchschlag 197 9;

Schimetschek Blätter für die Heimatkunde von

Kirchschlag (1927), S. 65 ff. und S. 129 ff .